Das Wildschweinhoellenfahrtskommando - Episode 1

Um das Wanderabzeichen zu erhalten, war es auch notwendig, einige Nachtwanderungen durchzuführen. Eine davon war eine Wanderung vom Alsbacher Schloss hinunter zum Fürstenlager.

Wir kamen anfangs gut voran, da der Vollmond den Höhenweg durch den Wald recht effektiv beleuchtete. Auf der Hälfte der Wegstrecke aber geschah es, dass wir lautes Grunzen aus dem unter uns liegenden Tal hörten. Sofort verbreiteten die einzigen Leiter Chief Harald und Stefan, dass es wohl Wildschweine seien, die jetzt wohl dummerweise auch noch Frischlinge geworfen hätten und daher besonders angriffslustig seien.

Das erste ernsthafte Problem ließ nicht lange auf sich warten. An der nächsten Kreuzung hätten wir eigentlich vom Höhenweg abbiegen müssen. Doch niemand außer Harald und Stefan, die uns ständig verunsicherten, wollte in den dunklen, gruseligen Hohlweg talwärts, direkt in vermutlich Wildschwein kontaminiertes Gebiet, gehen. Nach längeren Diskussionen folgten wir dem Höhenweg, was aber ein Umweg von einigen Kilometern war. Als Sicherheitsmaßnahme ging Stefan immer einige Schritte voraus. Bei Wildschweinalarm  sollten wir auf die Bäume flüchten, was für mich als einen schlechten Kletterer ein furchtbarer Gedanke war.

Um so häufiger und lauter das Grunzen von vorne wurde, desto größer wurde unsere Angst. Irgendwann wurde selbst Stefan die Sache zu riskant - ein anderer sollte vorlaufen und prüfen, ob die Luft rein sei. Jeder versuchte nun eine Ausrede zu finden, warum er für diesen Job auf keinen Fall in Frage käme. Ich argumentierte damals, ich sei ja noch nicht getauft und würde ich daher bei einem möglichen Wildschweinangriff getötet werden, so käme ich nicht in den Himmel. Das Casting für einen Freiwilligen kam natürlich zu keinem Ergebnis.

Als wir dann irgendwann um 2 Uhr morgens in der Gemeinde ankamen, entkräftet aber glücklich die Wanderung überlebt zu haben, war natürlich das Wildschweintrauma in unseren kleinen Köpfen eingebrannt. Wir kleinen Pfadis, etwa 13 Jahre alt, litten an dem unheilbaren Wildschweinangstsyndrom.

Nur Harald und Stefan hatten wohl ihren wahren Spass an der Nachtwanderung gehabt. Denn wie ich erst viele Jahre später herausfand, waren die Wildschweine völlig harmlos, das Grunzen größtenteils vom Stefan nachgemacht und die angebliche Gefahr geschickt vom Harald inszeniert worden. In Wirklichkeit waren wohl nur Stefan und Harald ein Sicherheitsrisiko für uns gewesen.